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Leitgeschiebe


Wie verlässlich sind die Grundlagen der Geschiebekunde?

Leitgeschiebe sind die Grundlage der Geschiebekunde. Allerdings gibt es bei einem Teil dieser Gesteine ernste Zweifel an ihrer Eignung, denn manche Leitgeschiebe sind aus methodischen Gründen abzulehnen und andere beruhen auf einer überaus lückenhaften Datenbasis. Die Anzahl wirklich verlässlicher Leitgeschiebe ist erheblich kleiner, als es die etablierte Literatur vermuten lässt.

1. Definition

Leitgeschiebe sind glazial transportierte Gesteine, die aus einem einzigen Herkunftsgebiet stammen. Diese Gebiete liegen im Baltischen Schild (Finnland eingeschlossen) sowie am Boden von Bottensee und Ostsee. Wer für ein Geschiebe eine Herkunft nennt oder einen Lokalnamen mit Ortsbezug benutzt, behandelt es als Leitgeschiebe.

Die Bestimmung eines Geschiebes erfolgt in der Regel im Gelände. Das beschränkt die zu überprüfenden Eigenschaften, denn neben einer 10fach vergrößernden Lupe, Salzsäure, einem Magneten und einem Ritzinstrument zur Härtebestimmung stehen keine weiteren Hilfsmittel zur Verfügung.

2. Anforderungen

Die Definition eines Leitgeschiebes muss folgenden Anforderungen genügen:

Neben der petrographischen Beschreibung des Gesteins müssen die genauen Eigenschaften genannt werden, die es als einmalig kennzeichnen. Diese Aufzählung ist der Schlüssel zur späteren Geschiebebestimmung und zur Korrektur der Definition, wenn das nötig werden sollte. - Fotos sind nicht ausreichend, denn es bleibt offen, ob spezielle Merkmale von allen Betrachtern überhaupt erkannt werden. Fotos können aber die Aufzählung der Kennzeichen eines Leitgeschiebes gut illustrieren.

Das für die Definition eines Leitgeschiebes benutzte Gesteinsmaterial muss aus dem Anstehenden stammen, also dem originalen Vorkommen. Ferngeschiebe, die südlich der Ostsee gefunden wurden, sind grundsätzlich ungeeignet, denn sie sind bereits Interpretationen. (Ausnahme: Unter-Wasser-Vorkommen)
Auch Nahgeschiebe können verwendet werden, jedoch nur innerhalb Skandinaviens, nur bei geringem Abstand zum Anstehenden und nur, wenn die Geologie des Untergrundes eine Verwechselung mit anderen Vorkommen sicher ausschließt. (Mehr unter „Nahgeschiebe“).

Das Material aus dem Anstehenden muss frisch und repräsentativ sein. Dazu muss möglichst die gesamte Fläche des betreffenden Vorkommens beprobt werden. Die Auswahl der Proben darf nicht nach Aussehen erfolgen und alle gefundenen Gefügevarianten müssen dokumentiert werden, auch wenn einige erkennbar keine Leitgeschiebe sind.

Um seine Einzigartigkeit sicherzustellen, muss ein potenzielles Leitgeschiebe mit ähnlichen Gesteinen in Skandinavien verglichen werden. Dieser Vergleich ist unverzichtbar. Findet man ein gleich aussehendes Gestein anstehend an anderer Stelle in Skandinavien oder wiederholt als Nahgeschiebe an Orten, die mit einer plausiblen Gletscherbewegung nicht vereinbar sind, dann muss die Beschreibung des Leitgeschiebes präziser gefasst oder verworfen werden.

Der Einzelfund eines Geschiebes an „unpassender“ Stelle innerhalb Skandinaviens macht ein Leitgeschiebe noch nicht hinfällig, sollte aber Anlass zu erhöhter Aufmerksamkeit sein.

Diese Vorgaben ergeben sich aus der Bedeutung, die einem Leitgeschiebe in der Geschiebekunde zukommt. So ist die Forderung, nur anstehendes Gestein für die Definition eines Leitgeschiebe zu benutzen, ebenso trivial wie unerlässlich. Ein weit vom Ursprung entfernt gefundenes loses Gestein ist als Grundlage für eine Definition ungeeignet, weil seine Herkunft unklar ist. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut der Autor das Gestein zu kennen meint, denn in jeder Bestimmung steckt bereits die Annahme, dass es keinen Doppelgänger gibt. Wer ein lose gefundenes Gestein für eine Definition benutzt und auf dieser Grundlage weitere Geschiebe bestimmt, begeht einen Zirkelschluss. Er setzt voraus, was noch geklärt werden muss, nämlich die Einmaligkeit des beschriebenen Gesteins.
Nahgeschiebe nehmen dabei eine Sonderrolle ein und bieten viel Potenzial, müssen aber mit großer Sorgfalt ausgewählt werden.

Eine umfassende Beprobung des Anstehenden ist unverzichtbar, weil es keine Gesteinsvorkommen „aus einem Stück“ gibt. Selbst kleinste Vorkommen enthalten immer verschiedene Gefügetypen. Das gilt um so mehr für große Gesteinsvorkommen, die sich über viele Quadratkilometer erstrecken. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Gestein magmatisch, sedimentär und metamorph entstanden ist. Immer findet man verschiedene Gefüge, die eine geologische Einheit bilden und den gleichen Namen tragen. Dies im Gelände mit eigenen Augen zu sehen, ist eine durchaus verstörende, aber heilsame Erfahrung. Sie steht jedem offen, der sich ins Anstehende begibt.

Wer sich mit der Definition eines Leitgeschiebes beschäftigt, sollte deshalb das Originalvorkommen persönlich und ausführlich untersucht haben. Ein Besuch von einigen Stunden reicht dazu nicht aus. Ebenso zieht man leicht falsche Schlüsse, wenn man mit dem Material anderer Personen arbeitet, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein. Es kann nämlich auch beim Beproben des Originalvorkommens zu gravierenden Fehlern kommen.
Vor allem aber sollte man sich selbst der Anstrengung unterziehen, repräsentatives Gestein auszuwählen. Diese Arbeit ist entscheidend und nur vor Ort zu leisten.

Die dritte Notwendigkeit, jedes potenzielle Leitgeschiebe mit ähnlichen Gesteinen in Skandinavien zu vergleichen, ergibt sich aus der geforderten Einmaligkeit eines Leitgeschiebes. Dieser Vergleich ist wegen der großen Fläche Skandinaviens eine enorme Herausforderung, aber trotzdem unumgänglich.

Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass unser Wissen über Sedimentärgeschiebe besonders dürftig ist. Sie stehen zum größten Teil unter Wasser an, in der Ostsee ebenso wie in der Ålandsee und in der Bottensee nördlich von Åland. Bei Herkunftsangaben für Sedimentgesteine ist deshalb besondere Zurückhaltung nötig. Ein bekanntes Vorkommen reicht keinesfalls aus, um einem dazu passenden Geschiebe eine Herkunft zuzuweisen.

Hilfe aus dem Norden?

Es liegt nahe, von den skandinavischen Geologen Hilfe zu erwarten. Das ist insofern berechtigt, als sie die entscheidenden Grundlagen - geologische Karten mit Beschreibungen - erstellen. Aber erstens ist diese Kartierung bis heute unvollständig und zweitens liefern geologische Karten keine Antwort auf die Frage nach der Einmaligkeit eines Gesteins. So eine Frage ist für skandinavische Geologen abwegig. Wer jederzeit das Anstehende in Reichweite hat, fragt sich nicht, woher denn ein loses Geröll stammen mag. Es gab zwar eine Zeit, in der man Geschiebe nutzte, um Bodenschätze zu finden, aber die ist längst vorbei oder beschränkt sich heute auf Feinkornanalysen. Die Beschreibungen des Aussehens eines Gesteins ist heute (leider) nicht mehr gefragt ‒ weder in Skandinavien noch anderswo.
Noch im 20. Jahrhundert war das anders und es gab eine Zeit, in der sich auch prominente Geologen mit Geschiebekunde und Leitgeschieben befassten. Leider ist das Wissen aus dieser Zeit in Publikationen begraben und wird kaum genutzt.

Lokalnamen

Die Gesteine in geologischen Karten tragen Namen, um sie voneinander zu unterscheiden. Tradierte Bergbaunamen („Hälleflint“) werden ebenso benutzt wie solche, die sich an Ortschaften („Örebro-Granit“), Landschaften („Åland-Rapakiwi“) oder Erdzeitaltern („jotnischer Sandstein“) orientieren. All diese Namen geben keine Auskunft darüber, ob es anderswo ein gleich aussehendes Gestein gibt. Eigennamen von Gesteinen sind nur Namen, mehr nicht. Herauszufinden, ob diese Gesteine Alleinstellungsmerkmale haben, ist allein Aufgabe der Geschiebekunde.

Was wissen wir?

Das allgemein verfügbare Wissen über Leitgeschiebe steckt primär in Büchern. Damit sind aktuell folgende Autoren im Gespräch: Hesemann, Rudolph, Schultz, Smed, Vinx und Zandstra.[1] Vinx zielt nur zum Teil auf Leitgeschiebe und gehört nur eingeschränkt in diese Aufzählung.
Diese Literatur weist zum Teil gravierende Mängel auf. So gibt es Autoren, die sich mit der bloßen Beschreibung der abgebildeten Proben begnügen und auf die Nennung der leitgeschiebetypischen Eigenschaften verzichten. Andere fassen sich auffällig kurz und bleiben eher vage. Per Smed jedoch liefert die nötigen Angaben und hebt sie kursiv in Druck hervor. Das ist methodisch die einzig akzeptable Arbeitsweise. Vinx schließt sich an, allerdings in unterschiedlicher Ausführlichkeit. Dafür bietet er reichlich Hintergrundinformationen.

An dieser Stelle rückt Hildegard Wilskes Dokumentation skan-kristallin.de ins Bild. Mit dieser umfangreichen und überaus nützlichen Bildersammlung macht sie uns Proben aus diversen Sammlungen in Deutschland (und zum Teil auch Schweden) zugänglich. Skan-kristallin zeigt einen großen Teil des Materials, das öffentlich zur Verfügung steht, um Leitgeschiebe zu definieren. Zwar fehlen die Beschreibungen der Handstücke, aber bereits die Abbildungen sind eine große Hilfe.
Allerdings zeigt „skan-kristallin“ auch in aller Schärfe, wie dürftig es um die Geschiebekunde bestellt ist. Vor allem werden zwei Tatsachen deutlich:

1. Es gibt viel zu wenige Proben, insbesondere aus den großen Vorkommen. Aber auch die wenigen vorhandenen Handstücke offenbaren eine enorme Vielfalt an Gefügen innerhalb der jeweiligen Vorkommen. Wie es möglich sein soll, all diese verschiedenen Varianten unter einem Leitgeschiebe zusammenzufassen, ist unklar.
Exemplarisch seien Revsund-, Järna- und Hedesunda-Granit genannt. Alle drei haben Herkunftsgebiete, die viele Hundert Quadratkilometer groß sind, beim Revsund-Granit sind es etliche Tausend Quadratkilometer. Die wenigen existierenden Proben sind nicht im Ansatz ausreichend, um einen Überblick zu bekommen oder auch nur die wichtigsten Gefügevarianten abzubilden. Dazu bedürfte es vieler Dutzend Handstücke und beim Revsund-Granit wäre eine dreistellige Anzahl von Proben das Minimum. Hinzu kommt, dass von den wenigen Revsund-Proben mehrere vom gleichen Aufschluss stammen und daher noch viel weniger Handstücke von verschiedenen Stellen vorliegen, als es den Anschein hat.

2. Wegen der unzulänglichen Menge an Proben haben wir bis heute keine Übersicht, welche Farbvarianten es allein bei den großen Granitvorkommen gibt und ob bzw. wie sich diese unterscheiden. Es darf beispielsweise als sicher gelten, dass es neben dem Revsund- und Arnö-Granit noch weitere weiße Granite gibt. Was unterscheidet diese und wie sind sie zusammengesetzt? All das ist völlig unklar und trotzdem werden Arnö-Granit und Revsund-Granit als Leitgeschiebe behandelt.

3. Zu all dem kommt, dass es bis heute keine Arbeit gibt, die ähnliche Gesteine miteinander vergleicht. Das wäre aber zwingend nötig, denn es gibt diverse Doppelgänger.
Da es eine Herkulesaufgabe ist, die fehlenden Informationen mit Proben aus dem Anstehenden zu ergänzen, kommen Nahgeschiebe als sinnvolle Ergänzung in den Blick. In ihnen steckt leicht zu erlangendes Wissen, das leider bisher weitgehend ungenutzt geblieben ist.


Nahgeschiebe

Nahgeschiebe sind lose und gerundete Steine in natürlicher Lage, die nur einen kurzen Transportweg von einigen wenigen, maximal einigen Dutzend Kilometern hinter sich haben.

Wie gut Nahgeschiebe als Informationsquelle geeignet sind, hängt von der großräumigen Landoberfläche und dem geologischen Untergrund ab. Insgesamt können Nahgeschiebe in Skandinavien eine wichtige Informationsquelle sein, denn ihr Studium kann die mühsame Suche nach Aufschlüssen ergänzen.

Viele gleiche Steine repräsentieren den geologischen Untergrund auch dann, wenn sie lose im und auf dem Boden liegen. Um ihre Ähnlichkeit zu erkennen, muss man allerdings sehr viele Steine auf kleiner Fläche vergleichen. Ein gerodeter Wald, dessen Boden von Steinen bedeckt ist, bietet dafür ebenso gute Voraussetzungen wie ein größerer Kiesschurf.

Weist die Landoberfläche eine großräumige Neigung auf, kann man auf die Eisbewegungen während der Vergletscherung schließen. Man kann vor allem ableiten, in welche Richtung sich Gesteine im großen Maßstab nicht bewegt haben, nämlich bergauf. Dann ist ein Schluss auf die Herkunft von Nahgeschieben möglich - zwar mit Unsicherheiten, aber zumindest allgemein. Je stärker eine Landschaft geneigt ist, desto sicherer sind solche Schlüsse. So kann man beispielsweise in Schweden bei nicht zu großem Abstand zum Kaledonischen Grundgebirge relativ sicher sein, dass undeformierte Kristallingesteine aus dem älteren svekofennischen Untergrund stammen. Umgekehrt kommt ein Eklogit, den man in Jämtland oder Ångermanland findet, immer aus den Kaledoniden. Im svekofennischen Grundgebirge Jämtlands und Ångermanlands gibt es keine Eklogite, weil dort die Bedingungen für deren Bildung nicht gegeben waren.

In flachen und kaum geneigten Landschaften sind Nahgeschiebe viel schwieriger zuzuordnen, denn dort können sich die Gletscher in praktisch jede Richtung bewegt haben. So findet man beispielsweise in der Umgebung Stockholms und im nördlichen Sörmland hin und wieder Åland-Rapakiwis. Diese Geschiebe haben sich von Nordosten nach Südwest bewegt, obwohl die dominierende Eisstromrichtung in Mittelschweden von Nordwest nach Südost bzw. von Nord nach Süd verlief. Deshalb kann man in einer ebenen Landschaft wie Uppland nur wenige Annahmen zur Eisbewegung treffen. Eine wäre, dass es wahrscheinlich keinen großflächigen Transport von Süden nach Norden gegeben hat, weil die nördlicheren Breiten immer kälter und deshalb auch immer stärker vergletschert gewesen sein dürften.

Findet man Nahgeschiebe, die nicht ins Bild passen, so müssen diese mehrfach gefunden werden, um bisherige Annahmen infrage zu stellen. Einzelfunde sollten aber trotzdem beachtet und keinesfalls ignoriert werden.


Kleinstvorkommen

Ein Teil der in der Literatur genannten „Leitgeschiebe“ sind Ganggesteine oder stammen aus Vorkommen, die nur wenige hundert Meter groß sind. Sofern diese Gesteine keine auffällige chemische Zusammensetzung haben oder besondere Minerale enthalten, sind sie als Leitgeschiebe grundsätzlich ungeeignet. Das betrifft viele Quarzporphyre (einschließlich Rödö-Porphyre, Gustafs-Porphyr u.a.), alle Sphärolithe, akkretionäre Lapilli („Pisolithe“) und auch Mischgesteine aus Basalt + Nebengestein („Gerölldiabase“). Alle diese Gesteine kommen an vielen Stellen in Skandinavien vor und wir kennen nur einen winzigen Teil dieser Vorkommen. Deshalb verbietet sich die Behauptung, ein Geschiebe stamme aus einem der bekannten Vorkommen - auch dann, wenn sich Anstehendprobe und Geschiebe aufs Haar gleichen. Die Annahme, dass auffällige Gesteine keine Doppelgänger haben, ist inzwischen mehrfach widerlegt worden.

Quarzporphyre sind Allerweltsgesteine und kommen in sehr vielen Granitplutonen und deren Umgebung vor. Das gilt ganz besonders für braune/rötliche Porphyre mit nur mäßig vielen Feldspateinsprenglingen und mehr oder weniger Quarz. Solche Porphyre sind nur dann in den geologischen Karten verzeichnet, wenn sie eine gewisse Ausdehnung erreichen. Wir wissen aus eigenen Funden, dass manche Quarzporphyre auch in den detailreichen 50000er Grundgebirgskarten fehlen.[2] Gleichzeitig gibt es ganze Gangschwärme, die zwar kartiert, aber bisher von der Geschiebekunde völlig unbeachtet geblieben sind.[3] Unter solchen Voraussetzungen können Quarzporphyre nur dann Leitgeschiebe sein, wenn sie erstens auffällige Gefüge besitzen und außerdem aus großen Vorkommen stammen, die wir kennen und intensiv untersuchen können.

Auch spezielle Vulkanitgefüge wie Sphärolithe oder akkretionäre Lapilli sind weder einzigartig noch sind alle Vorkommen in den Karten verzeichnet. Auf hier wissen wir aus Geschiebefunden in Skandinavien, dass es noch weitere, unbekannte Vorkommen gibt, die ebenfalls Geschiebe geliefert haben. Deshalb ist es nicht gerechtfertigt, einen „Ragunda-Sphärolithporphyr“, einen „Rödö-Syenitporphyr“ oder einen smålandischen Gerölldiabas in den Rang einer Besonderheit zu erheben und zum Leitgeschiebe zu erklären.

Viele Quarzporphyre, vor allem solche mit größeren Einsprenglingen, sind ohne Zweifel schöne und auffällige Gesteine. Doch auch dann, wenn so ein Porphyr in seinem Vorkommen wie ein bunter Hund aus seiner Umgebung hervorsticht, ist Zurückhaltung empfohlen. Die seit mehr als hundert Jahren[4] immer wieder geäußerte Zuversicht, dass man ein Gestein auf jeden Fall als Geschiebe erkennen könne, mag ja im Einzelfall zutreffen. Aber auch dann ist erst eine von zwei Bedingungen erfüllt, denn wir müssen auch sicher sein, dass es dieses Gestein kein zweites Mal gibt. Weil aber genau dieses Wissen weder in der Geschiebekunde noch bei den Geologen im Norden vorhanden ist, können wir Gesteine aus Kleinstvorkommen nicht als Leitgeschiebe verwenden.

Die einzige Ausnahme sind besonders zusammengesetzte Gesteine, die aus wirtschaftlichen oder geologischen Gründen intensiv untersucht wurden. Beispiele sind Kimberlitgesteine, Alkaliintrusionen oder auch Karbonatite. Solche Gesteine sind interessant, weil sie gesuchte Rohstoffe enthalten können und potenzielle Kandidaten für Bergbau sind. Allein dieses wirtschaftliche Interesse stellt sicher, dass alle Vorkommen erforscht und gut dokumentiert sind. Nur deswegen können solche Gesteine mit besonderer Zusammensetzung Kandidaten für ein Leitgeschiebe sein.


Probennahme im Gelände

Bei der Suche nach Proben ist auch im Anstehenden Sorgfalt nötig, um Fehler zu vermeiden. Ein solcher Fehler kann im Nichtbeachten von Plutongrenzen bestehen, sodass aus Versehen Nebengestein beprobt wird.
Ein weiteres Risiko steckt in der Beschränkung auf Straßenaufschlüsse. Damit ist nicht nur die ungenügende Abdeckung in der Fläche gemeint, sondern vor allem der Zusammenhang zwischen Straßenverlauf und Untergrund. Straßen werden bevorzugt in ebenem Gelände angelegt. Deshalb folgen manche Straßen einem Oser und andere einer Verwerfung im Untergrund, die von der Verwitterung eingeebnet wurde. Beprobt man in so einer Verwerfung die Straßenränder, wird man immer Gneisgefüge finden und zwar auch dann, wenn man in einem ansonsten undeformierten Gestein unterwegs ist. Deshalb können über Kilometer hinweg alle Proben ungeeignet sein, weil sie das umgebende Gestein nicht repräsentieren. Das versehentliche Beproben einer Verwerfung ist kein theoretisches Problem, sondern mir selbst passiert und vermutlich auch anderen Amateuren. Jedenfalls legen das Gneisproben in manchen Gesteinssammlungen nahe, obwohl die zugehörigen Vorkommen als undeformiert beschrieben wurden. Der einzige Schutz gegen diesen Fehler ist die Probennahme quer durchs Gelände und die akribische Suche nach Verwerfungen vor Beginn der Exkursion.

Eine weitere wichtige Voraussetzung sind Kenntnisse in der Gesteinsbestimmung. Die grundlegenden Gesteinstypen müssen sicher erkannt werden und ebenso muss klar sein, wie ein Ganggestein aussieht, dass unerwartet angetroffen wird. Alle geologischen Karten sind Vereinfachungen. Wer in einer einheitlich kartierten Fläche andere Gesteine oder unpassende Gefüge antrifft, hat weder die Unbrauchbarkeit der Karte bewiesen, noch eine Neuentdeckung gemacht. Keine geologische Karte enthält alle Details, die man im Gelände findet. Das ist weder im Druck abzubilden noch für den Zweck einer solchen Karte nötig. Deshalb muss man immer mit kleinen Vorkommen unerwarteter Gesteine rechnen. Das gilt auch für Großgeschiebe, die im Boden stecken und die man für anstehendes Grundgebirge halten kann.

Ein weiterer Stolperstein sind Härtlinge, also Gesteine, die aus ihrer Umgebung herausragen. Sie können ganz anders als das übrige Grundgebirge zusammengesetzt sein. Ein hartes Ganggestein für das eigentliche Grundgebirge zu halten, ist ein Fehler, der in der Vergangenheit auch Geologen unterlaufen ist. Es gibt mindestens eine geologische Karte, in der ein fehlerhafter Eintrag genau so zustande kam.

Aus all dem ergibt sich, dass man für jede Probennahme ausreichend Zeit braucht und aufmerksam arbeiten muss.


Nutzlose Annahme: Eisschollentransport

Wenn Geschiebefunde in Skandinavien nicht zu den bisherigen Annahmen über Leitgeschiebe passen, wird gelegentlich der Transport mit Eisschollen ins Gespräch gebracht. Damit ist gemeint, dass Steine in Eisschollen einfrieren und dann an Orte getrieben werden, die nicht zu den Bewegungen der Gletscher passen. Dieser Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen. Solche Verdriftungen gab es ganz sicher und wird es gelegentlich auch heute noch geben. Aber der Eisschollentransport hat keinerlei Erklärungswert. Es führt nur dazu, dass Funde, die nicht ins Bild passen, unbeachtet bleiben. Schlimmer noch: Der Verweis auf Eisschollentransporte behindert uns darin, neue Hypothesen zu erwägen und bisherige Annahmen zu korrigieren. Doppelgänger zu bekannten Leitgeschieben findet man nämlich oft auf genau diese Weise: Durch Geschiebe, die an Orten auftauchen, wo sie nicht vorhanden sein dürften. Allerdings müssen solche Funde mehrfach gemacht werden. Ein einzelner Stein, der nicht ins Bild passt, ist nicht genug, um grundlegende Annahmen zu verwerfen. Es sollte aber Anlass für erhöhte Aufmerksamkeit und gezielte Suche sein.

 

Quellen:

[1] Literatur:

SMED P (übersetzt durch EHLERS J): Steine aus dem Norden. Geschiebe als Zeugen der Eiszeit in Norddeutschland. 2. Auflage, Borntraeger. 2002

Hesemann J 1975 Kristalline Geschiebe der nordischen Vereisungen - Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen

RUDOLPH F 2004 Strandsteine; Sammeln & Bestimmen von Steinen an der Ostseeküste und im Binnenland - 153 S., Wachholtz, Neumünster

RUDOLPH F 2008 Noch mehr Strandsteine; Sammeln & Bestimmen von Steinen an der Nord- und Ostseeküste - 224 S., Wachholtz, Neumünster

RUDOLPH F 2017 Das große Buch der Strandsteine; Die 300 häufigsten Steine an Nord- und Ostsee - 300 S., Wachholtz Murmann Publishers

SCHULZ W 2003 Geologischer Führer für den norddeutschen Geschiebesammler, 508 S.,

VINX R: Steine an deutschen Küsten. Quelle und Meyer Verlag Wiebelsheim, 2016

ZANDSTRA JG: Platenatlas van noordelijke kristallijne gidsgesteenten. Leiden, 1999 (Übersetzung bei Hildegard Wilske)
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[2] Zum Beispiel ein Quarzporphyr aus der Schlucht „Skurugatan“ in Småland. Dieser Quarzporphyr fehlt in der 50000er Grundgebirgskarte, die das Gelände dort einheitlich als sauren Vulkanit ausweist. Was auch völlig korrekt ist, denn solche Quarzporphyre sind Vulkanite. Hier geht es allein um die Kartierung einer kleinräumigen Gefügevariante.
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[3] Beispielsweise ein ausgedehnter Gangschwarm mit über 70 einzelnen Gängen rhyolitischer Zusammensetzung nördlich von Falun in Schweden. Diese Gesteine sind im Sinne der Geschiebekunde unbeprobt. (zurück zur Textstelle)  

[4] Cohen E, Deecke W: Über Geschiebe aus Neu-Vorpommern und Rügen. Berlin 1892, Gaertners Verlagsbuchhandlung Hermann Heyfelder.
Dort schreiben die Autoren auf Seite 9 in der Einleitung zu den Gesteinen Ålands: "Obwohl letztere (die Rapakiwigesteine Ålands) nämlich derart variiren, dass man kaum zwei Handstücke in geringer Entfernung von einander schlagen kann, welche vollständig identisch erscheinen, ist doch der allgemeine Habitus ein so ähnlicher und charakteristischer, dass man die Zugehörigkeit eines Geschiebes zu der Gruppe sofort mit Sicherheit erkennt.“
Genau das ist nicht der Fall. Die Autoren wechseln hier von der Beschreibung des Anstehenden zum Erkennen eines Geschiebes und seiner Herkunft. Das ist nicht zulässig. Nur weil ein Gestein sehr auffällig ist, bedeutet es keineswegs, dass ein Geschiebe aus genau diesem Vorkommen stammt, denn das gilt nur, wenn es keine Doppelgänger gibt. Damit wird vorausgesetzt, was erst noch zu klären ist.
Diesen Übergang von „auffällig“ zu „einzigartig“ vollziehen viele Autoren geschiebekundlicher Schriften. Cohen und Deecke zitiere ich hier nur als ein besonders frühes Beispiel. Ihre wichtige Arbeit für die Geschiebekunde soll dadurch in keiner Weise geschmälert werden.
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